Schulzeugnisse früher und heute

 

Mein Sohn hat in diesen Tagen sein erstes Zeugnis bekommen. Ich war ziemlich baff. Nicht wegen seiner Leistungen, er geht bisher gerne zur Schule, alles prima. Aber Erstklässler-Zeugnisse von heute sehen ganz anders aus als unsere in den 80er Jahren. Ich bekam damals im Sommer 1989 genau 10 Sätze aufs Papier. 30 Jahre später erhalten 6-Jährige eine detaillierte Bewertung ihrer Leistungen auf zwei oder vier ganzen Seiten, die an vielen Stellen an psychologische Gutachten erinnern.

Um es gleich vorweg zu nehmen: ich habe nichts gegen Details und Genauigkeit. Ich schätze die Schule und Klassenlehrerin meines Sohnes sehr, sie machen ihre Arbeit gut. Aber beim Lesen des Zeugnisses war ich dennoch überrascht.

Anderen Erstklässler-Müttern ging es genauso. Eine Bekannte verriet mir, dass sie das Zeugnis ihres Sohnes in der Mappe erst komplett überblättert hatte. „Ich dachte dieser lange Text wäre wieder einer dieser üblichen Infobriefe zum Thema Schulfest oder Hitzefrei“, sagte sie. Genau wie ich hatte sie damals Ende der 80er Jahre zum Abschluss der ersten Klasse nur  ein sehr kurzes Zeugnis erhalten.

Zeugnisse 1989 und 2019

Ich habe meins extra noch einmal rausgekramt. Da steht unter anderem: „Christina folgte dem Unterrichtsgeschehen mit großer Aufmerksamkeit. Sie hat eine formklare und sehr schöne Handschrift.“ Insgesamt wurde das Zeugnis von meiner damaligen Lehrerin sehr wohlwollend und positiv formuliert.

Die negative Perspektive überwiegt

Das Zeugnis meines Sohnes liest sich komplett anders. Auch positiv an manchen Stellen, doch an vielen anderen überwiegt eindeutig die negative Perspektive. Da und da war er unsicher, das und das klappt noch nicht, hier sollte noch geübt werden.

Versteht mich nicht falsch, es geht mir nicht darum, dass mein 7-Jähriger in der Schule nur gute Bewertungen bekommt. Er ist ein Erstklässler, ein ganz normales Kind und natürlich darf er noch vieles lernen und sich weiter entwickeln. Doch dieser negative Blick gefällt mir nicht. Weil er seine Freude an der Schule trübt.

Das Zeugnis war kein Grund zur Freude

„Komm, wir kopieren dein Zeugnis und schicken es an die Großeltern“, hatte ich ihm vorgeschlagen. Er wollte das nicht. Er wollte nicht, dass Oma und Opa diese lange detaillierte Beurteilung über ihn lesen. Schon als ich ihm den gesamten Text vorlas, merkte ich, wie er sich an manchen Stellen wandt, zu Boden blickte und ihm das alles fast unangehm war.

Und das ist nicht gut. Er sollte stolz sein auf das erste Zeugnis seines Lebens. Er hat im letzten Jahr richtig gut und schnell schreiben, lesen und rechnen gelernt – und er hat dabei sein Bestes gegeben. Genau wie die anderen in seiner Klasse. Wie wird es wohl den Kindern ergangen sein, die nicht so begeisterte und gute Schüler sind? Denen die Schule allein schon wenig Spaß macht und das Zeugnis noch weniger?

Kinder müssen bestärkt werden – nicht ständig kritisiert

Ich habe in diesem Text schon einmal ausführlich über Elterngespräche im Kindergarten geschrieben. Auch hier dominierte aus meiner Erfahrung sehr oft der negative Blick auf das Kind. Schade. Denn unsere Kinder können so viel. Sie müssen nur bestärkt und gefördert werden von uns – und nicht andauernd überkritisch bewertet. Auch und gerade nicht in der ersten Klasse.

Dass die Zeugnisse heute schon im ersten Schuljahr so detailliert und auf Leistung fokussiert formuliert sind, passt in unsere Zeit. Alle Buchstaben genau kennen. Die Uhrzeiten korrekt lesen. Zeitspannen erfassen. Frühblüher bestimmen. Haben wir das damals 1989 in meiner ersten Klasse in Köln-Poll auch schon alles gemacht? Ich glaube nicht.

Vier Seiten – ohne Noten aber mit klarer Bewertung

Meine Freundin erzählte mir am Wochenende, dass ihre Tochter sogar ein vierseitiges Zeugnis bekommen hat. Offiziell ohne Noten, aber insgesamt mit ganz eindeutigen Bewertungen. Ich hoffe, dass diese ersten Zeugnisse unseren Kindern nicht den Spaß an der Schule verderben. Denn es geht in der ersten Zeit in der Grundschule doch um so viel mehr. Neue Freunde finden, zusammenwachsen in der Klasse, AGs besuchen. Ohne Leistung geht es nicht, das ist klar. Aber muss der Drill wirklich schon mit 6 Jahren anfangen?

Der schönste Satz im Zeugnis meines Sohnes stammt übrigens von seiner Musiklehrerin: „Mit viel Freude und Interesse nimmt er am Musikunterricht teil. Er erfaßt Lieder äußerst schnell in Text und Melodie und bewegt sich geschickt dazu.“ Freude und Interesse. Geschicklichkeit. Wie schön. Genau darum sollte es doch gehen in der Grundschule. Neben dem Erwerb der elementaren Fähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen.

Euch allen einen schönen Sommer. Mit oder ohne Zeugnis.

Christina

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5 Gedanken zu “Schulzeugnisse früher und heute

  1. Oi. Da kommt doch Freude auf. Ich habe in meiner Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin immer gelernt das man Ressourcenorientiert arbeiten soll und einen Menschen nicht mit dem Defizitblick betrachtet.

    Und an der Stelle frage ich mich dann, weil Lehrer ja genau so Pädagogen sind wie ich (nur mit einem andere Schwerpunkt), ob die das nicht auch lernen oder ob denen das mit so viel weniger Nachdruck vermittelt wird?

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    • Tja, das ist eine gute Frage.
      Wahrscheinlich haben viele Lehrer durch ihren Alltag einfach sehr die Leistungsbrille auf.
      Es ist ja auch gut und wichtig, wenn sie Schwächen früh erkennen und den Eltern kommunizieren.
      Aber schade ist es, wenn das defizit-orientierte Zeugnis den Kindern die Freude am Lernen vermiest.
      Denn genau darum sollte es doch gehen.
      Danke für deine Einschätzung.
      Viele Grüße,
      Christina

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  2. Liebe Christina, das sagt doch alles, dass er beim Vorlesen dieses Zeugnisses betreten zu Boden blickte und noch nicht einmal wollte, dass es Oma und Opa geschickt wird. Dabei hat er – das glaube ich sofort – alles wunderbar gemacht. So etwas macht mich richtig wütend. Und da haben wir eben auch wieder dieses Psychologisieren. So ein Text verkauft sich als die bessere Alternative zu Ziffernnoten und ist im Grunde viel schlimmer. Psychologisches Gutachten – der Begriff trifft es sehr gut. Und das ist eine ziemliche Anmaßung, so etwas über ein Kind zu verfassen, das man mit wahrscheinlich etwa 19 anderen in der Klasse hat.
    Wirst du der Lehrerin ein Feedback geben, wie das zu Hause für euch war?
    Ich danke dir, dass du dieses Thema aufgegriffen hast, und grüße dich sehr herzlich, Uta

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    • Liebe Uta,
      danke dir für deinen Kommentar.
      Ja, ich werde das bei der Lehrerin ansprechen. Nicht als Vorwurf, sondern als ehrlich interessierte Frage, was der Sinn hinter dieser Art von Zeugnissen für Erstklässler ist.
      Du hast recht, in der Klasse meines Sohnes sind sogar 25 Kinder.
      Ich habe eine Freundin, die Lehrerin ist. Sie hat mir zu der Thematik geschrieben: „Lehrer werden genötigt, in Klasse 1 und 2 solche Zeugnistexte im Gutachtenstil zu verfassen, das ist für alle Beteiligten schwierig.“
      Der Fehler scheint hier also im System zu liegen.
      Danke für deine Einschätzung und viele Grüße nach Hamburg,
      Christina

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  3. Pingback: Gastbeitrag: „Ich liebe meinen Beruf und hadere gleichzeitig jeden Tag damit, Lehrerin zu sein“ | mamachillt

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