Müssen die immer zanken? Wie streitende Geschwister endlich ein Team werden

Geschwister als Team

Vor ein paar Wochen habe ich mit der Erfolgs-Autorin Nicola Schmidt gesprochen. Sie hat Elternratgeber wie „Slow Family“ oder „Wild World“ geschrieben, ist zweifache Mutter und Gründerin des artgerecht-Projekts. Eines ihrer Herzensthemen ist die Geschwister-Beziehung, darum geht es auch in ihrem aktuellen Buch. Im Interview hat Nicola mir erklärt, warum Brüder und Schwestern so häufig streiten und was Eltern tun können, damit sie ein Team werden.

Nicola, was wir Eltern oft nicht verstehen: Warum streiten Geschwister überhaupt so viel?

Geschwister streiten immer um Ressourcen, nach Studien oft sogar sechsmal in einer Stunde. Früher ging es ihnen um Nahrung und Wärme, heute um Aufmerksamkeit, denn die ist nicht weniger wichtig. Studien belegen, dass Erstgeborne oft einen leicht höheren IQ als ihre Geschwister haben, was auch daran liegt, dass sie lange Zeit die komplette Aufmerksamkeit ihrer Eltern bekommen haben. Aus dem Kampf um Aufmerksamkeit entsteht Rivalität: Ich will zuerst den Kuchen, ich will undbedingt vorne sitzen.

Das ist für Eltern im Alltag ziemlich anstrengend.

Ich weiß. Denn hinzu kommt: Geschwister sind Menschen, die sich gegenseitig nicht ausgesucht haben. Wenn es vom Temperament unter den Kindern nicht passt, kommt es noch schneller und häufiger zu Streit.

Was ist die Lösung? Wie kann es friedlicher zugehen in Familien?

Eltern dürfen die Perspektive auf ihre Kinder ändern. Also nicht denken: „Ihr seid so anstrengend!“ sondern: „Ihr müsst noch viel lernen.“  Jeder Kinder-Streit ist eigentlich nur eine Frage: „Kannst du uns helfen, klar zu kommen? Kannst du uns bitte Konfliktfähigkeit bei bringen? Mama und Papa, wie geht das?“ Dieser Perspektivwechsel hilft schon sehr viel, damit Eltern gelassener damit umgehen können.

Was machen Eltern denn häufig falsch im Umgang mit Geschwistern?

Die wichtigste Grundregel: niemals vergleichen. Das tut Kindern nicht gut, jedes Kind ist anders und hat andere Stärken und Schwächen. Und möglichst nicht ausrasten. Immer in Kontakt mit den Kindern bleiben. Die beste Einstellung ist: Da sind zwei kleine Wesen, die mich brauchen.

In deinem Buch „Geschwister als Team“ schreibst du, dass sich in Familien jedes Kind eine eigene Nische sucht. Und eine wichtige Aufgabe der Eltern sei, Kinder immer wieder aus dieser Nische zu befreien.

Dieses Einsortieren in Schubladen passiert schnell. Auch ich sage öfter mal zu meinem Sohn: „Na komm Großer, das kriegst du schon hin.“ Das ist zunächst nicht dramatisch, aber es lohnt sich, achtsam zu sein. Manche Nischen sind für uns Eltern sehr komfortabel: „Du bist doch die Vernünftige, lass deinen Bruder doch mal.“ Mal ist das auch ok, aber nicht ständig. Denn dann haben Kinder Aufgaben fürs Leben. Und es ist sehr schwer für sie, da herauszukommen. Besser ist es dem Kind zu zeigen: Du als Große darfst auch mal unvernünftig sein. Und bitte dem Nesthäkchen nicht ständig suggerieren: „Du kannst es noch nicht.“ Sondern: „Du packst das.“ Wenn ich keine alternative Rolle anbiete, wird das Kind in seinem Muster bleiben. Denn Kinder kooperieren immer, egal was sie tun.

Sie kooperieren, auch wenn sie streiten? Das musst du mir erklären.

Wenn wir Kinder untereinander ständig vergleichen, kooperieren sie durch Streit. Denn sie erfahren: Es wird von uns erwartet, zu zeigen, wer der Bessere ist. Wenn wir den Kindern häufig sagen, dass sie anstrengend sind, dann verhalten sie sich auch so. Weil es ja unbewusst von ihnen erwartet wird. So können Eltern negative Kooperation in ihren Kindern erzeugen, ohne es zu wollen.

Es müsste dann aber auch andersherum gehen, also positiv.

Genau. Ich kann zum Beispiel sagen: „Ihr habt jetzt eine halbe Stunde Hausaufgaben gemacht ohne euch zu streiten, ihr beide seid heute wirklich ein tolles Team.“ Generell stoßen uns unsere Kinder auf unsere eigenen Themen. Wenn ich selbst nicht klar bin, streiten sie oft so lange, bis ich eine klare Ansage mache. Deswegen rate ich Eltern immer: Gebt euren Kindern Antworten auf die Fragen, die sie  euch stellen.

Kinder sind unterschiedlich. Deswegen ist es auch gar nicht gut, alle gleich zu behandeln. Oder?

Das stimmt, weil verschiedene Kinder auch verschiedene Bedürfnisse haben. Ich habe ein vierjähriges Mädchen und einen siebenjährigen Jungen – und beide wollen nicht dasselbe Lego. Aber: Jedes Bedürfnis ist gleich wichtig. Deswegen sollten Eltern genau auf ihr Kind schauen und sich fragen: „Was braucht dieses Kind?“ Das ist günstiger,  einfacher und erfolgsversprechender als alle immer gleich zu halten.

Wie werden Geschwister zu einem Team, ganz konkret?  

Eltern sollten ihren Kindern immer wieder Teamprojekte anbieten. Das muss kein selbstgebautes Baumhaus sein. Ich meine banale Dinge, die Geschwister gemeinsam machen können. Zum Beispiel: „Wenn ihr jetzt zusammen die Küche aufräumt, können wir danach alle noch einen Film gucken.“ Danach klatschen sich beide ab und erleben: Gemeinsam ist man schneller und stärker. Und wir können als Eltern diese Erfahrung spiegeln und sagen: „Hey, ihr beide seid echt ein super Team.“

Buchtipp: „Geschwister als Team – Ideen für eine starke Familie“ von Nicola Schmidt, Kösel-Verlag, 18 Euro

Foto: Pixabay

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