Loben wir unsere Kinder zu oft?

Daumenhoch

Super gemacht! Klasse! Sehr gut, mein Schatz. Ich gebe zu, ich gehöre zu den Müttern, die ihr Kind gern und oft positiv spiegeln. Ist doch was Schönes, oder? Nein, sagen Experten. Dauer-Lob ist nichts anderes als Kontrolle mit Zuckerguss. Und obwohl wir es eigentlich gut meinen, ist das ständige Süßholzraspeln nicht förderlich für das kindliche Selbstbewusstsein.Typische Szene bei uns auf dem Spielplatz. Ein Junge, etwa 3 erklimmt die Stufen des großen Holzschiffes, klettert hinauf bis ganz nach oben, stellt sich an den Rand,winkt begeistert hinunter und ruft: „Mama, guck mal!“ Diese erwidert: „Super, mein Schatz!Ganz toll hast du das gemacht.“ Eine Situation, wie sie auf tausenden Spielplätzen täglich vorkommt. Wo ist das Problem?

Anerkennung ist immer auch Bewertung. Und wenn wir unsere Kinder ständig, auch für Kleinigkeiten, bewerten,macht das  etwas mit ihnen. Im schlimmsten Fall macht es sie auf Dauer abhängig von unserem Wohlwollen, von der Süße des Lobes. „In der Spielplatzsituation liegt ein Missverständnis vor“, sagt Uta Allgaier, Elterntrainerin aus Hamburg, und bezieht sich dabei auf den dänischen Familientherapeuten Jesper Juul. „Kleinkinder wollen nicht bewertet werden, wenn sie sich den Eltern bemerkbar machen. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass das Heraufklettern auf ein Gerüst eine Leistung sein könnte.“

Kinder wollen Kontakt, nicht ständiges Lob

Wenn sie „Guck mal!“ rufen,wollen sie nur in ihrer Existenz bestätigt werden. Sie möchten in Kontakt treten und gesehen werden in ihrem Tun. „Mit unserer Bewertung bringen wir das Kind erst auf die Idee, es könnte beim Klettern etwas falsch oder
schlecht machen.“ Übermäßiges Lob von Eltern ist nichts anderes als „Kontrolle mit Zuckerguss“, fasst es Rheta DeVriess, Pädagogikprofessor an der Universität Iowa, zusammen. Natürlich gibt es Schlimmeres, als seinem Kind im Alltag ständig
Nettigkeiten zu sagen. Trotzdem ist übermäßiges Lob tückisch. Kinder müssen das Gefühl für sich selbst erst nach und nach  entwickeln.
Wenn Eltern sie im Alltag immer wieder durch Komplimente steuern und zu positivem Verhalten bewegen möchten, verlieren Kinder auf Dauer das Gespür für sich selbst und ihre eigenen Gefühle. Ihnen wird suggeriert, ihrer eigenen Einschätzung zu misstrauen und sich immer rückversichern zu müssen. Die Frage: „War das jetzt gut?“ und der ständige fragende Blick zu anderen kann dann ihr Verhalten dominieren.

Ehrliches Lob ja, Dauerapplaus nein

„Das alles sollte uns Eltern nicht dazu verleiten, jetzt Angst zu haben vor dem, was wir sagen. Im Alltag rutscht uns eben ganz viel raus“, sagtUta Allgaier, die im hier im Netz ihren lesenswerten Familienblog wer-ist-eigentlich-dran-mit-katzenklo.de betreibt. Aber dieses Loben nach dem Gießkannenprinzip habe  sich bei vielen eingebürgert – obwohl das Selbstbewusstsein des
Kindes dadurch gerade nicht gefördert werde. „Wir wollen doch, dass unsere Kinder innere Stärke entwickeln, dass sie unabhängig werden. Ihnen muss nicht ständig jemand applaudieren.“

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Kinder gar nicht mehr loben sollten. Wenn die netten Worte ehrlich und aus dem Herzen kommen, ist nichts daran auszusetzen. Nur manipulieren sollten wir die Kleinen mit unseren Nettigkeiten nicht.

Wie geht es besser? Uta Allgaier findet: Mit dem schlichten Wort „danke“. „Das passiert dann auf gleicher Ebene. Anderen Erwachsenen danken wir ja auch. Lob, vor allem für Kinder, kommt eher von oben herab. Danken ist ebenbürtiger, es macht den Beitrag klar, den der andere für mich geleistet hat.“

 

Der Text ist ein Auszug aus dem Artikel „Kontrolle mit Zuckerguss“,
erschienen am 14.10.2015 im Magazin des Kölner Stadt-Anzeigers

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