Entwicklungsgespräch im Kindergarten – Segen oder Fluch?

rucksack kindergarten

Oh mann, was waren wir gespannt. Wir hatten neulich das erste Entwicklungsgespräch im Kindergarten. Unser Dreijähriger geht seit 8 Monaten dorthin, wir sind sehr zufrieden mit der Kita. Ich war neugierig auf das erste, längere Gespräch mit einer der Erzieherinnen. Und danach leider etwas ernüchtert. Denn der defizitorientierte Blick aufs Kind fängt tatsächlich schon im Kindergarten an.

Zuerst einmal: Ich finde es gut, dass es solche Gespräche und Berichte gibt und die Eltern über die Entwicklung ihres Kindes informiert werden. Erzieherinnen haben einen weiträumigeren Blick als die Eltern, sie haben die ganze Gruppe im Blick und nicht nur ein einzelnes Kind. Wenn ihnen etwas auffällt, ist es hilfreich, wenn sie es den Eltern mitteilen.

Aber: Warum ist die Perspektive so vorrangig negativ? Warum wird nur kurz betont, was das Kind schon kann und so lang, was noch nicht klappt? Ich bin mir sicher, dass in diesen Gesprächen viele Eltern verunsichert werden, oft vielleicht zu unrecht.

Leistungsdruck im Kindergarten

Die Erzieherin unseres Sohnes (sehr erfahren und gewissenhaft) sagte uns im Gespräch, dass unser Kind inzwischen gut im Kindergarten angekommen sei. Er findet Spielpartner und Spielpartner finden ihn. Das ist toll! Das freut uns! Doch dann ging es gleich weiter mit den Ergebnissen der Ausschneide-Übung. Die Kinder sollten an einem Kita-Tag auf einem Blatt einen Kreis, ein Quadrat und ein Dreieck ausschneiden. O-Ton der pädagogischen Fachkraft: „Das könnte aber noch besser gehen!“ Ja, natürlich könnte es das. Er ist drei und schneidet aus, so wie er malt. Ziemlich krickel-krackel. „Malen ist überhaupt nicht seins“, sagte die Erzieherin dann auch gleich.

Auf das, was er alles gut macht ist sie nur in einem Satz eingegangen. Zugegeben, es war ein schöner Satz: „Er hat ein großes Wissen und ist an vielem interessiert, da haben Sie als Eltern gut vorgearbeitet.“ Hach, das ist doch Balsam für jede Mutterseele. Dann folgte aber direkt: „In der Motorik sehen wir Defizite“. Diesen Bereich hat sie dann noch länger ausgeführt. Kein Wort über seinen Sprachschatz, nichts zum sozialen Verhalten, wenn ich nicht nachgefragt hätte.

Mir geht es nicht darum, mein Kind nur im besten Licht gespiegelt zu kriegen. Nochmal, wir schätzen die Erzieherinnen und die Einrichtung sehr, und auch deren Einschätzung. Aber aus fast vier Jahren Muttersein weiß ich inzwischen: vieles wächst sich  aus, vieles braucht einfach seine Zeit. Von Bekannten weiß ich, dass das Entwicklungsgespräch in ihrer Kita die Familie in eine ziemliche Krise gestürzt hate. Warum wird so schnell und so häufig problematisiert? Warum nicht mehr und öfter anerkennen, welche Fähigkeiten das Kind schon alle entwickelt hat? Gut, der Grad zwischen wirklichem Defizit und individueller Eigenheit des Kindes mag oft schmal sein und auch für die Profis in der Kita ist es nicht in jedem Fall leicht, das zu unterscheiden.

In der Februar-Ausgabe der Zeitschrift Eltern-Family wird das Thema auch aufgegriffen, ein  sehr lesenswerter Artikel von Nora Imlau. Sie zitiert eine Erzieherin, die offen zugibt: „Die Krux bei der Dokumentation im Kindergarten ist für mich, dass wir Erzieherinnen eigentlich überhaupt nicht dafür ausgebildet sind, unsere eigenen Beobachtungsbögen auch richtig auszuwerten. Wir haben gelernt, Kinder individuell zu begleiten und zu fördern – nicht, Diagnosen zu stellen und diese dann den Eltern mitzuteilen.“ Aha, so ist das also. Ich weiß, dass die Dokumentationsarbeit für Erzieherinnen in den vergangenen Jahren immer mehr geworden ist. Ein beachtlicher Teil ihrer Arbeit entfällt inzwischen aufs Protokollieren.

Jedes Kind hat sein eigenes Tempo

Der Düsseldorfer Kinderarztes Dr. Michael Hauch wird ebenfalls im Artikel zitiert und sieht die Sache so: „Gibt man Erzieherinnen Beobachtungsbögen an die Hand und hält sie an, auf mögliche Entwicklungsprobleme zu achten, werden sie irgendwann auch fündig. Was mich als Kinderarzt daran empört, ist der defizitorientierte Blick aufs Kind.“ Da sind wir einer Meinung, Herr Dr. Hauch.

Sein Fazit bringt es auf den Punkt: „Jedes Kind hat seinen Entwicklungsfahrplan. Die meisten Sprach-, Entwicklungs- und Wahrnehmungsstörungen verschwinden ganz von selbst – wenn Kinder liebevoll und aufmerksam begleitet werden, zu Hause und im Kindergarten.“

Ich ziehe täglich meinen Hut vor den Erzieherinnen und ihrer herausfordernden und verantwortungsvollen Arbeit. Es ist ein harter Job, mit hohem Lärmpegel und viel Stress jeden Tag aufs Neue. Nur für die Entwicklungsgespräche und Berichte wünsche ich mir einen positiveren Blick. Damit wäre nicht nur den Kindern und Eltern, sondern auch den Erzieherinnen selbst geholfen.

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6 Gedanken zu “Entwicklungsgespräch im Kindergarten – Segen oder Fluch?

  1. Liebe Christina, ich bin schockiert von dem, was du beschreibst. Es bleibt dabei: Vom Wiegen wird das Schwein nicht fett. Aus meiner Sicht sollten die Erzieherinnen das Protokollieren lassen und lieber in wirklich Besorgnis erregenden Einzelfällen das Gespräch mit den Eltern suchen. Danke für diesen alarmierenden Post und auch für die Hinweise auf weitere Artikel. Herzliche Grüße, Uta

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    • Danke für deine Einschätzung. Es kann natürlich auch ganz anders laufen in diesen Gesprächen. Eine Freundin, die ihr Kind im selben Kindergarten hat, hörte beim Gespräch nur: Alles gut, alles rosig. Es kommt wohl immer sehr auf die jeweilige Erzieherin an. Aber du hast recht: Vom Wiegen wird das Schwein definitiv nicht fett. Viele Grüße, Christina

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  2. Elterngespräche führen gehört definitiv zur hohen Kunst im Erzieherdasein. Es wird einfacher, wenn man selbst Kinder hat, da man dann ja auch selbst die Situation von der anderen Seite her kennt und weiß, was einen als Eltern freut und was trifft. Ich glaube, dass Wichtigste bei Elterngesprächen ist, eine Vertrauensbasis zu schaffen, die darauf beruht, dass man das „Wesen“ des einzelnen Kindes wahrnimmt und achtet. Ein Defizitblick tut das meines Erachtens gerade nicht. Ich bemühe mich bei solchen Gesprächen immer, den Eltern einen Eindruck zu geben von dem Alltag, den das Kind erlebt und wie es ihn meistert. Ich erzähle den Eltern dann meist zum Ende, welche Aufgaben wir für das Kind sehen, die es in der nächsten Zeit angehen sollte/kann mit unserer Unterstützung und auch wie diese Unterstützung aussehen kann. Gibt es wirklich Entwicklungsverzögerungen oder -auffälligkeiten, dann würde ich zu einem Extragespräch bitten (bei dem mehr Zeit ist spezifisch darauf einzugehen) und es nicht in einem Entwicklungsgespräch mit abhandeln.

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    • Vielen Dank für deine Experten-Inneneinsicht. Das was du schreibst, hört sich vollkommen kompetent, fundiert und vernünftig an: Vertrauensbasis schaffen, das Wesen des Kindes wahrnehmen, Unterstützung bei den Entwicklungsaufgaben. Darum geht es doch und genau das hätte ich mir für unser Gespräch in der Kita gewünscht. Es hört sich an, als hättest du absolut den richtigen Job gefunden 🙂 Gratuliere. Lg, Christina

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  3. Ich bin gespannt wie unser Gespräch dann mal verlaufen wird. Es gibt viele Dinge, die er super kann, aber ja in einigen Dingen ist er hinterher. Aber ich muss sagen, hey mein Kind hat immerhin schon Manieren. Er verabschiedet sich immer höflich von allen Erzieherinnen und bitte und danke funktioniert auch. Das können viele 7jährige nicht.
    xo & liebste Grüße, Sina
    http://CasaSelvanegra.com

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    • Ist doch toll, wenn er das schon so gut kann. Jedes Kind ist anders und ich finde (wie es eine Leserin hier auch geschrieben hatte), bei dem Gespräch sollte es vor allem darum gehen, dass die Erzieherinnen eine Rückmeldung geben, dass sie das Kind mit seinem Charakter so sehen und nehmen wie es ist und dann gerne auch auf Entwicklungsaufgaben hinweisen. Der ganze Leistungsdruck fängt noch früh genug an. Natürlich müssen sie es ansprechen, wenn es Auffälligkeiten gibt, aber bitte keinen Stress machen, wenn es nicht nötig ist. Grüße in den Schwarzwald, Christina

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