Warum Kinder Langeweile brauchen

Jetzt sind Sommerferien. Viele Kinder sind in der Ferienbetreuung, im Fußball-Camp oder im Urlaub. Das ist schön. Aber viele von ihnen – und wir Eltern übrigens auch – bräuchten eigentlich gerade genau das Gegenteil von ständig verplanter Zeit. Nämlich Leerlauf. Ruhe. Chillen. Einfach mal gar nichts tun. Langeweile hat keinen guten Ruf, aber sie ist enorm wichtig für die kindliche Entwicklung. Warum das so ist, lest ihr hier:

„Mir ist so langweilig.“ Wenn Eltern diesen Satz hören, werden sie nervös. Kein Wunder, denn Langeweile hat in unserer Leistungsgesellschaft ein ziemlich schlechtes Image.  Wer heute längere Zeit im Wohnzimmersessel sitzt und Löcher in die Luft guckt, macht sich verdächtig. Auch schon als Kind. Leerlauf gibt es in modernen Kindheiten so gut wie nicht mehr. Die Wochen vieler Kinder sind meist schon im Kindergartenalter komplett durchgeplant. Montags Kinderturnen, dienstags musikalische Früherziehung, mittwochs Treffen mit der Spielgruppe. Und wir Eltern meinen es dabei gut. Wir wollen unsere Liebsten bestmöglich fördern und bespaßen. Nicht wenige von uns  spüren den vermeintlichen Druck, tagtäglich für Entertainment sorgen zu müssen. Weil Kinder, die an regelmäßige Unterhaltung gewohnt sind, diese irgendwann auch lautstark einfordern.

Wir rennen durch unser Leben

Dabei würde auch uns genau das Gegenteil gut tun: Das Entspannen und Gar-nichts-Tun gemeinsam auf der Couch mit unseren Kindern. Stattdessen hetzen wir durch unsere Welt, angetrieben von Instagram-Fotos der anderen und vor allem von den eigenen Erwartungen an uns selbst. Und denken, zumindest unbewusst, dass sich unser Lebensrad immer schneller und weiter drehen muss. Bloggerin Halima von mamablog-mamamia.com, schreibt in einem ihrer letzten Texte: „Nicht nur ich renne durch mein eigenes Leben. Auch die Kinder kommen meiner Meinung nach viel zu wenig zum Ausspannen, zum Faulenzen, sich langweilen und genießen. Die Tage sind so voll, wir stehen immer unter Zeitdruck und vor lauter schnelllebiger Routine kommt das Leben viel zu kurz. Das richtige, echte Leben, meine ich. Das, bei dem man die Zeit mit den Menschen genießt, die man liebt. In dem man ganz viel Zeit hat, das zu tun, was man möchte.“

Das Nichtstun fällt uns schwer – zu viele Optionen

Viele von uns Eltern spüren instinktiv, dass unseren Kindern mehr Leerlauf, mehr unverplante Zeit gut täte. Und trotzdem fällt es uns schwer, das im Alltag umzusetzen. Vielleicht, weil unser Leben insgesamt so schnell und so offen einsehbar geworden ist, durch Facebook-Posts und WhatsApp-Profilbilder. Nichts mit sich anzufangen wissen? Das muss doch heute nicht mehr sein, im Zeitalter von Youtube und Netflix. Zu verlockend sind die vielen Möglichkeiten und Angebote, schon für die Kleinsten. Auch daher empfinden viele Eltern den Satz „Mir ist langweilig“ wie eine Anklage, wie einen direkten Hinweis auf das Versagen ihrer Animateurs-Qualitäten. Der Ausspruch bereitet ihnen so viel Unbehagen, weil er in ihnen das schlechte Gefühl von „Ich biete meinen Kindern nicht genug“ entstehen lässt. Dabei stimmt das gar nicht. „Viele Mütter und Väter tappen aber in diese Fallen und bieten ein sofortiges Spaßprogramm und ganz viele Ideen an“, sagt Elterntrainerin und Autorin Uta Allgaier vom Blog www.wer-ist-eigentlich-dran-mit-katzenklo.de aus Hamburg. Besser sei es, dem Kind das Gefühl zu spiegeln: „Du weißt nicht, was du tun sollst? Das kann sich blöd anfühlen, das kenne ich auch.“ Anstatt fünf Spielvorschläge zu machen, ist es viel hilfreicher, ständig Rohmaterial im Kinderzimmer bereit zu stellen: Papier, Pappe, Stifte, Knete und Basis-Legosteine etwa. „So hilft die Langeweile dem Kind dabei, aus seinem inneren Reichtum zu schöpfen.“

Regenwetter im Camping-Urlaub

Wie aus Langeweile eine nachhaltige Beschäftigung entstehen kann, hat die Erziehungsexpertin selbst schon oft erlebt. Etwa während eines Wohnmobil-Urlaubs mit ihrem damals etwa 9-Jährigen Sohn. Nach tagelangem Regenwetter waren alle mitgebrachten Spiele durch und die Gesichter lang. Irgendwann fing der Junge  an, aus den Spielsteinen der Gesellschaftsspiele eine ganze Stadt auf dem Wohnmobil-Tisch zu bauen. Er vertiefte sich völlig begeistert immer mehr in sein Werk und begann alles, was er im Wohnmobil fand, mit einzubauen: Zahnstocher, Gabeln und Korken. Und das aus eigenen Antrieb heraus. Die Öde und Fadheit? Wie weggeblasen.

Genau deshalb  bricht so gut wie jeder Experte für kindliche Entwicklung eine Lanze für die die Langeweile. So auch Remo Largo, ein berühmter Schweizer Kinderarzt, der jahrelang die kindliche Entwicklung empirisch verfolgt hat: „Jeder Mensch braucht eine gewisse Leere, um zu spüren, was er will. Wie soll man sonst im Lauf der Zeit erkennen, war man ist und welcher Beruf einen ausfüllen könnte? Es ist bedauernswert, dass diese Leere heute oftmals fehlt. Langeweile ist gut.“

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