Was Eltern tun können, wenn das Kind nur noch am Smartphone hängt

Vor einiger Zeit habe ich mit Blogger-Kollegin und Bestseller-Autorin Katja Seide vom „gewünschtestes Wunschkind“-Blog über das Thema „digitale Erziehung“ gesprochen. Sie findet: Wenn wir mit dem Verhalten unserer Kinder nicht einverstanden sind, sollten wir Eltern zunächst unsere eigenen Ängste hinterfragen. Hier geht’s zum Interview:

 

Katja Seide ist Sonderpädagogin und arbeitet an einer Grundschule in Brandenburg. Die dreifache Mutter betreibt gemeinsam mit Danielle Graf den erfolgreichen Familienblog „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ (gewuenschtestes-wunschkind.de). Beide haben auch die zwei gleichnamigen Bestseller-Ratgeber geschrieben.

Katja, was ist eine gute Regelung zum Medienkonsum in der Familie?
Diese Frage muss jede Familie für sich selbst beantworten. Wir können uns sicher alle darauf einigen, dass Handys und Konsolen beim gemeinsamen Essen und in Gesprächen nichts zu suchen haben- das gilt für Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Aber wie die sonstige Regelung in einer Familie aussieht, muss individuell entschieden werden. Die eine Familie fährt gut damit, wenn es feste Medienzeiten gibt, über die im Ausnahmefall diskutiert werden darf. Der anderen Familie ist es angenehmer, wenn es keinerlei Restriktionen für Bildschirmzeit gibt.

Gar keine Regeln und Grenzen für die Mediennutzung?
Manche Kinder können durchaus von alleine ausschalten. Diese muss man dann nicht mit starren Regelungen einengen. Einige Kinder programmieren eigene Spiele an ihrem Laptop, arbeiten also sehr kreativ daran. Sollten Eltern das unterbrechen, weil die Bildschirmzeit vorbei ist? Ich denke nicht.

Was kann ich als Mutter oder Vater gegen diese Ohnmacht tun, die entsteht, wenn das Kind immer wie magisch von dem kleinen blinkenden Ding angezogen wird? 
Diese Ohnmacht zeigt wunderbar auf, welche eigenen Ängste man in sich trägt. Es wäre gut, diese Ängste mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Wovor fürchte ich mich so in Bezug auf die neuen Medien? Dass mein Kind abhängig wird? Dass es die Schule nicht schafft? Dass ich meinen Einfluss aufs Kind verliere? Das sind durchaus alles valide Punkte, schließlich liebt man ja sein Kind und möchte, dass es im Leben gut vorankommt und nicht auf die schiefe Bahn gerät. Wenn ich meine Ängste beleuchtet habe, kann ich anfangen, sie zu zerstreuen.

Wie kann das funktionieren – das Zerstreuen der Ängste?
Das geht am besten darüber, sich kundig zu machen. Nehmen wir das Thema Sucht zum Beispiel. Wie entsteht Sucht eigentlich? Früher wurde ja angenommen, dass es eben irgendwelche süchtig machenden Stoffe gibt, denen sich kein Mensch entziehen kann, wenn er sie einmal probiert. Das spukt immer noch in unseren Köpfen herum. Dabei wissen wir mittlerweile, dass jemand eher dann süchtig wird, wenn ihm gute Beziehungen im Leben fehlen, also eine liebevolle Familie und Freunde. Oder wenn es keine Zukunftsperspektive gibt.

Was können Eltern denn in solchen Fällen ganz konkret tun?
Wenn ich bei mir selbst oder auch bei meinem Partner oder Kind mögliches Suchtverhalten erkenne, sollte meine erste Frage nicht sein: Wie halte ich mich oder ihn davon fern? Sondern: Welches Bedürfnis ist gerade nicht befriedigt und wie können wir das ändern? Bin ich noch in Beziehung mit meinem Kind? Fehlt ihm etwas? Fehlt mir selbst etwas, weil ich so oft auf Instagram nachgucke, ob mein letztes Bild geherzt wurde? Was ich sagen will, ist: Machen wir nicht den Fehler, uns von unseren inneren Ängsten, unserer Ohnmacht, leiten zu lassen, sondern machen wir uns lieber schlau, ob das, was unsere Kinder da so dringend wollen, wirklich so ein Teufelswerk ist, wie wir denken. Ist es nämlich in den meisten Fällen nicht.

Das sehen viele Eltern aber anders.
Die Konflikte, die viele Eltern und Kind haben, wenn die Eltern zum Beispiel das Ende der vereinbarten Medienzeit ankündigen, empfinde ich als durchaus hilfreich. So bleibt man in Kontakt mit seinem Nachwuchs und kann nachhaken: „Warum willst du mehr Medien-Zeit?“ „Woran arbeitest du gerade?“ „Mit wem chattest du denn?“ Wie ich eben sagte, ist es wichtig, in Beziehung mit den Kindern zu bleiben, um Suchtverhalten vorzubeugen, und solche Gespräche tragen dazu bei. Dann erfahren wir nämlich, dass die Tochter nur deswegen seit drei Stunden im Internet hängt, weil die beste Freundin Liebeskummer hat. Oder wir hören, dass unser Sohn unbedingt lernen will, wie man Schleim herstellt, und deshalb seit Tagen auf Youtube unterwegs ist. Und dann kann man eben schauen, was die beste Lösung für den Konflikt ist: Vielleicht fahren wir die Tochter lieber rüber zu ihrer Freundin, auch wenn es schon spät ist. Und vielleicht lassen wir den Sohn doch noch ein bisschen auf Youtube forschen, damit er sein Schleimprojekt beenden kann.

Die digitalen Medien sorgen in vielen Familien für riesigen Wirbel. Welchen positiven Nutzen haben sie?
Es gibt tatsächlich einige positive Aspekte. Verschiedenste Studien belegen, dass die textbasierte Kommunikation in Online-Spielen oder Chats Kinder beim Schriftspracherwerb unterstützt. Lesemuffel können durch ein schönes Adventure-Spiel auf der Konsole zum Lesen angeregt werden. Videospiele können sich auch positiv auf das Arbeitsgedächtnis auswirken – sie steigern die Fähigkeit, mehrere Informationen gleichzeitig im Kopf zu behalten, sie können kritisches Denken fördern und das Entwickeln von Problemlösestrategien. Der Umgang mit Niederlagen und Rückschlägen im Konsolen-Spiel kann außerdem der Entwicklung der Frustrationstoleranz positiv zu Gute kommen. Und sogar das soziale Lernen kann durch Online-Spiele gefördert werden. Nämlich dann, wenn höhere Level nur erreicht werden können, wenn man sich mit anderen Spielern weltweit zusammenschließt und freundlich und hilfsbereit mit ihnen umgeht.

Das klingt jetzt alles sehr positiv. Aber früher haben Kinder doch auch gelernt, Frustrationstoleranz zu entwickeln – ohne Videospiele.
Schauen wir doch mal zurück in unsere eigene Jugend. Unsere Kinder gehören ja nicht zur ersten  Generation, die mit digitalen Medien aufwächst. Als ich Teenager war, wurde das Internet gerade erst für alle nutzbar. Aber wir haben auch schon auf Konsolen gespielt, und zwar nicht zu knapp. Und was ist aus den Nerds geworden, die früher „Lan-Partys“ abgehalten haben und in Fantasy-Welten abtauchten, die wir coolen Kids eher albern fanden? Nun, sie verdienen heute als Software- oder App-Entwickler gutes Geld. Oder sie lassen sich für YouTube filmen, wenn sie Konsolen-Spiele durchspielen und verdienen damit Millionen. Dass es einmal Jobs wie diese geben würde, konnten wir damals noch nicht ahnen. Aber die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern ihnen erlaubten, sich mit den neuen Medien ausgiebig zu beschäftigen, waren viel besser auf die Zukunft vorbereitet, als der Rest von uns. Ich denke, der digitale Trend wird sich nicht umkehren. Auch in unserer Zukunft wird es Anforderungen und Jobs geben, von denen wir jetzt noch nicht einmal träumen. Einige unserer Kinder werden auf diese Zukunft gut vorbereitet sein.

Die digitale Welt ist aber nicht nur rosa. Was sind die Gefahren?
Negative Punkte gibt es selbstverständlich auch. PC-Spiele und Handy-Apps können passiv machen und Kinder davon abhalten, raus in die Natur zu gehen, um sich ihren individuellen Entwicklungsaufgaben zu widmen. Computerspiele sind meist von anderen vorgegebene Programme, bei denen der Spaß im Vordergrund steht und nicht unbedingt der Erwerb von Lebenskompetenzen. Natürlich haben die neuen Medien ein eingebautes Übernutzungspotential, das sehr verlockend ist. Wenn echte Beziehungen fehlen, versuchen manche Kinder diesen Mangel online zu befriedigen. Das kann sehr wohl in eine Sucht führen.

Wie viel Online-Konsum ist zu viel?
Auch das muss individuell betrachtet werden: Kann mein Kind allein ausschalten? Und kann ich es? Hat mein Kind Freunde im echten Leben? Trifft es diese? Spielt es auch noch Spiele, die  nicht digital sind? Vernachlässigt es seine schulischen Aufgaben? Wird es aggressiv, wenn es nicht spielen darf? Legt sich diese Aggression nach kurzer Zeit wieder und es findet eine andere Beschäftigung? Ich finde, eigentlich können Eltern entspannt auf das Medienverhalten ihrer Kinder schauen – die meisten Kinder gehen verantwortlich damit um. Und ab und zu eine Woche ohne alles – für die ganze Familie – kann sehr bereichernd sein.

 

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6 Gedanken zu “Was Eltern tun können, wenn das Kind nur noch am Smartphone hängt

  1. Sehr interessanter Beitrag, gerade weil er so locker mit dem Thema umgeht. Er gibt wirklich tolle Denkanstöße, auch wenn ich mich noch nicht so ganz drauf einlassen kann. Meine Kids sind jetzt 5 und 4 Jahre alt und ich werde sie noch einige Zeit von Smartphones fernhalten, aber wenn sie größer sind, soll auch eher im Fokus stehen, was sie damit machen als wie viel Zeit sie damit verbringen.

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    • Ich handhabe das genau so wie du. Mein Sohn ist 6 und ich lasse ihn nur sehr selten mit Smartphone, Tablet und Co spielen. Auch Fernsehen gibt es bei uns nur am Wochenende. „Wait until eight“ heißt eine Kampagne aus den USA und das finde ich sehr vernünftig. Die Kinder werden das alles noch früh genug einfordern. Trotzdem sind Katjas Ansichten interessant. Vor allem der Aspekt, dass es in unserer Jugend in den 90ern ja auch nächtelange Lan-Partys gab … Danke für deinen Kommentar und Grüße nach Dresden, Christina

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