Gastbeitrag: Was Kinderärzte an Eltern nervt

dr martin beck

Ohne anzurufen in der Praxis auftauchen, Hustensaft-Rezepte einfordern und nachträglich noch auf eine Ergotherapie-Überweisung pochen: Das sind Dinge, die Dr. Martin Beck, Kinderarzt aus Meckenheim bei Bonn, im Praxisalltag wirklich nerven. In einem Gastbeitrag erklärt der Buchautor und Mediziner hier, warum ihn in seinem Job nicht die Kinder, sondern wenn überhaupt dann nur die Eltern auf die Palme bringen.

Womit bringen Eltern einen Kinderarzt auf die Palme?

Ich bin Kinderarzt. Ich bin sogar meistens gerne Kinderarzt. Es gibt aber so einiges, was mich nervt. Dafür sind die Eltern verantwortlich, nicht die Kinder. Die meisten Eltern können nichts dafür und wissen nicht, was sie bei mir auslösen. Zumal ich ja nett bin und es selten sage.

  • „Ich brauche ein Rezept über Hustensaft“

Am besten ohne vorherige Untersuchung, denn im Wartezimmer kann man sich ja neu anstecken und neulich hat es ja so lange gedauert.

„Ja, welcher Hustensaft soll‘s denn sein?“ – „Einer, der hilft.“

Kein Hustensaft der Welt hat bewiesen, dass mit ihm die Erkältung schneller vorbei geht.

Was ist es für Husten? Reizhusten, Abhusten, Bronchitis oder gar Lungenentzündung?

Am leichtesten ist es für mich, einen Hustenstiller aufzuschreiben, denn der ist immer hilfreich. Dann gibt es ein Rezept.  Eine Diskussion, dass es ohne Medikament auch vorbeigehen wird, braucht Zeit. Und die habe weder ich noch die gestressten Eltern.

Übrigens: im Wartezimmer steckt man sich eher selten an, wenn man sich nicht abknutschen oder anhusten lässt. Es ist nun mal so, dass viele Menschen zum Arzt gehen, besonders in der Infektsaison. Ich denke, das sollte man in Kauf nehmen. Die meisten Eltern tun das ja auch klaglos.

  • „Ich komme ohne Termin. Bei Ihnen ist ja dauernd besetzt oder es geht keiner dran“

Außerdem ist das Kind ja erst am Wochenende krank geworden, da konnte man ja nicht anrufen.

Zugegeben, zu bestimmten Zeiten muss man geduldig sein, bis man bei uns telefonisch durchkommt. Das liegt an dem großen Bedarf: Montag morgens nach dem Wochenende, Freitags vor dem Wochenende zum Beispiel. Wenn dann auch noch an der Anmeldung viele Menschen stehen, klingelt das Telefon auch ein wenig länger, bevor jemand dran geht. Trotzdem ist es mir lieber, die Eltern rufen an, damit wir einen günstigen Zeitpunkt heraussuchen können. Auch dann ist Wartezeit zu erwarten, aber hoffentlich weniger.

In heftigen Grippezeiten sind nun einmal bis zu hundert Kinder am Tag in der Praxis.

Klar wird niemand weggeschickt, und wer akut krank ist, komm nach Möglichkeit schneller dran. Aber jeder ohne Termin sorgt dafür, dass die anderen länger warten müssen. Und Warten wollen wir alle gerne vermeiden. Das kann ich als ungeduldiger Mensch gut nachvollziehen.

Nachvollziehen kann ich aber nicht, wenn man trotz mehrmaliger Erklärung immer wieder ohne Termin in der Praxis aufschlägt!

  • „Die Erzieherinnen haben gesagt, mein Kind braucht Ergotherapie. Ich habe schon einmal einen Termin gemacht und brauche jetzt das Rezept.“

Da habe ich ja schon keine Chance mehr, da muss ich die Heilmittelverordnung ja wohl ausstellen, es sei denn, ich will Ärger auslösen. Dann wird aus der Ergotherapie Ärgertherapie….

Selten kann ich dann noch mit den Eltern besprechen, ob die Therapie wirklich nötig und sinnvoll ist, obwohl ich sie verordne und der Krankenkasse gegenüber rechtfertigen muss.

Häufig wird zu schnell nach Therapien gerufen, wenn ein Kind in irgendeinem Bereich auffällt: sei es Stifthaltung, Gleichgewicht, Konzentration, Frustrationstoleranz. Erwachsene dürfen Schwächen haben, Kinder nicht.

Wenn im Kindergarten etwas auffällig ist ,ist der richtige Weg für Eltern folgender:

erst einen Termin mit dem Kinderarzt machen, dort das Kind vorstellen, und dann mit ihm besprechen, welche Maßnahmen sinnvoll sind.

Grundsätzlich gilt: erst Diagnostik, dann Therapie!

Und liebe Eltern: Ihr Kind ist nicht verhaltensauffällig – es ist ein Kind!

 

Dr. Martin Beck arbeitet als Kinderarzt in Meckenheim bei Bonn. Gemeinsam mit seiner Frau Charlotte Zierau hat er im GU-Verlag diesen lesenswerten Familienratgeber veröffentlicht: „Schreien stärkt die Lungen – und 99 andere Elternirrtümer“

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