Gastbeitrag: Wie viel googeln vor dem Kinderarztbesuch macht Sinn?

dr martin beck

Es war an einem Wochenende und meinem damals Zweijährigen ging es schlecht. Richtig mies, er war schlapp und apathisch. Die Kinderarztpraxis hatte zu und wir befragten das Internet. Das Ergebnis: Wahrscheinlich eine Meningitis, also lebensbedrohlich. Völlig panisch riefen wir auf dem Handy unserer Kinderärztin an. Sie blieb locker, ließ sich erstmal die Symptome schildern und beruhigte uns dann. Ihre Diagnose am nächsten Werktag: doch nur eine Mittelohrentzündung. Ups. Kinderarzt Dr. Martin Beck kennt das Phänomen. In seinem Gastbeitrag schreibt er, warum Dr. Google ihm täglich die Arbeit schwer macht.

Eltern googeln gerne erst einmal, wenn ihr Kind irgendein unklares Symptom hat. Sie versuchen, in den Beschreibungen von Krankheitsverläufen ihr Kind wieder zu finden. Sie vergleichen Bilder von Hautausschlägen mit dem Ausschlag ihres Kindes.

Ich habe dafür durchaus Verständnis, mache ich das doch genauso bei Fragen aus Fachbereichen, die ich nicht verstehe. Das Problem ist nur: wer keine Fachkenntnis besitzt, weiß nicht, wo er die richtigen Informationen findet und wie er sie zuordnen soll, kann nicht nach Schwere und Bedeutung gewichten. Gerade bei medizinischen Fragen kann das stark verunsichern und große Angst auslösen.

Die Suchmaschine lässt die Suchenden mit ihrer Angst allein

„Wer Schnupfen googelt, findet Nasenkrebs… ja ja, ich weiß, Herr Doktor!“ sagte neulich eine Mutter, die ich milde getadelt hatte für allzu viel Internetrecherche.

Dr. Google weiß eben doch nicht alles, funkt mir aber stark in meiner täglichen Arbeit dazwischen. Er lässt die Menschen schreckliche Diagnosen finden und lässt sie dann mit ihrer Angst allein.

Manchmal hätte ich meine Praxis am liebsten auf einer einsamen Insel ohne Medien und deren Konkurrenz.

Also: verständlich ist Krankheiten googeln schon; sinnvoll nicht.

Es ist immer besser, wenn ich als Arzt zuerst die Diagnose stelle.

Erst der Kinderarzt, dann Dr. Google

Dann dürfen die Eltern auch nachlesen und weitere Nachfragen stellen. Und wenn schon gegoogelt wurde und viele Sorgen, Fragen und Befürchtungen entstanden sind, sollten sie offen benannt werden. Ich höre mir die Fragen gerne an. Schließlich ist es auch mein Job, Sorgen und Nöte zu sehen und möglichst zu relativieren. Es erleichtert meine Arbeit, wenn ich weiß, welche Sorge die Eltern in meine Sprechstunde treibt. Dann kann ich darauf entsprechend reagieren und klar Stellung beziehen:

“Also, Masern hat ihr Kind jetzt nicht!“

 

Dr. Martin Beck arbeitet als Kinderarzt in Meckenheim bei Bonn. Gemeinsam mit seiner Frau Charlotte Zierau hat er im GU-Verlag diesen lesenswerten Familienratgeber veröffentlicht: „Schreien stärkt die Lungen – und 99 andere Elternirrtümer“

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3 Gedanken zu “Gastbeitrag: Wie viel googeln vor dem Kinderarztbesuch macht Sinn?

  1. Auch bei Erwachsenen-Krankheiten meide ich die Suchmaschinen schon der furchtbaren Bilder wegen. Kürzlich habe ich für uns einen dicken Medizin-Ratgeber gekauft, in dem auch viele Hausmittel stehen. Das – finde ich – ist eine konstruktive Herangehensweise. Dann kann ich selbst schon mal etwas tun, ohne ihn Panik zu verfallen. Das Buch von Beck und Zierau kommt auf meine Liste. Danke für den Beitrag! Liebe Grüße, Uta

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  2. Meine Krankenkasse bietet ein sogenanntes kostenloses Familientelefon an, das man Tag und Nacht anrufen kann. Dort kann man dann mit einem Arzt sprechen, der einem bei Nicherreichbarkeit des Kinderarztes auf jeden Fall schon mal eine Einschätzung geben kann. Das hat mir gerade im ersten Lebensjahr meines Sohnes sehr viel Sorgen erspart – und auch manchen Kinderarztbesuch 🙂 Das Ganze ist auf jeden Fall tausendmal effizienter und beruhigender als googeln. Ich empfehle das an meine Freunde immer fleißig weiter, weil ich das so toll finde.

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    • Ah ja, das habe ich schon mal in der Werbung gesehen. Die Technikerkrankenkasse bietet das unter anderem an, oder? Ist auf jeden Fall eine gute Sache. Weiß noch, wie ich mit meinem Baby-Sohn beim Kinderarzt war, als er die erste größere Erkältung mit Husten hatte. Danach weiß man dann bescheid und bleibt beim nächsten Mal gleich zu Hause, weil der Arzt in diesem Fall eh nicht viel machen kann. Aber gut, wenn man jemanden um Rat fragen kann. Viele Grüße, Christina

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